3. DIALOG.LV: 3. April 2013

"Der Pfadfinder/Die Pfadfinderin sucht den Weg zu Gott! ... suchen wir noch? Zur Bedeutung der Wegsuche nach Gott bei PfadfinderInnen unterschiedlicher Konfessionen.

 

Die ersten beiden DIALOG.LV Abende widmeten sich einerseits der Frage, ob das Stufenziel in seiner Gesamtdimension heute noch erreichbar ist und wie unsere PfadfinderleiterInnen zum Thema Eigen- und Fremdverantwortung stehen, und andererseits dem Pfadfinderversprechen in der gesamten Breite seiner Bedeutung.

Beim 3. DIALOG.LV wenden wir uns - passend zur Ausgabe 02/2013 des "Gut Pfad" - der Religion und ihrer zentralen Bedeutung für das Pfadfindertum zu. Sowohl das Versprechen wie der 1. Gesetzespunkt rückt die - individuelle - Suche jedes/r PfadfinderIn nach dem Weg zu Gott, je nach Konfession, in den Mittelpunkt unserer Bewegung.

Inmitten einer multikulturellen und -konfessionellen Gesellschaft mit 14 gesetzlich anerkannte Kirchen und Religionsgesellschaften in Österreich eine zugegeben mutige Forderung.

Die zentralen Fragen des Abends waren:

  • Wie sieht die "Wegsuche zu Gott" bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 21 Jahren verschiedener Religionsbekenntnisse selbst aus?
  • Worauf müssen wir als PfadfinderleiterInnen bei Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Konfessionen achten?
  • Wie können wir mehr Sensibilität für diese zentrale Aufgabe entwickeln?
  • Welche Hilfsmittel stehen zur Verfügung?

 

Vertraut mit allen Wegen (Psalm 139, 2-3)

Text: Ernst M Felberbauer, LB/GF und Wolfgang Linhart, GF/Gr.14

Der erste Schwerpunkt – sicherlich die grösste Herausforderung für die Masse der PfadfinderleiterInnen. Exportieren, tolerieren, reduzieren, igorieren: wie verhalten wir uns anderen Religionsgemeinschaften gegenüber? Wohlmeinend eigene religiöse Werte und Prinzipien verändern oder gleich ganz aufgeben? Die Pfadfindergruppe, die am Lager kein Schweinsschnitzel mehr herausbäckt, weil es muslimische oder jüdische Mitglieder gibt? Lagermessen durch Meditationseinheiten ersetzt, oder mangels Kurat den ersten Schwerpunkt einfach streicht?

Wir wurden ausdrücklich gewarnt, dies auf keinen Fall zu tun: nicht nur von unseren katholischen und evangelischen Landeskuraten Franz Herz oder Wolfgang König, sondern vor allem von der stellvertretenden Vorsitzenden der Muslimischen Jugend Österreichs, Melanie Zeller-Maarouf, Univ.-Prof. DDDr. Alexander Lapin, dem orthodoxen Militärpfarrer und Marina Myo Gong Jahn, der Vizepräsidentin der österreichischen buddhistischen Religionsgesellschaft.

Anfang April trafen sich 20 interessierte LeiterInnen und RaRo beim 3. DIALOG-LV zum Thema des Gut Pfad 02/2013. Mit Vertretern von fünf Religionsgemeinschaften – buddhistisch, evangelisch, muslimisch, orthodox und römisch-katholisch – diskutierten wir das Thema "Der Pfadfinder/Die Pfadfinderin sucht den Weg zu Gott! ... suchen wir noch? Zur Bedeutung der Wegsuche nach Gott bei PfadfinderInnen unterschiedlicher Konfessionen" unter zwei Aspekten:

  1. Wie sieht die "Wegsuche zu Gott" bei Kindern und Jugendlichen verschiedener Religionsbekenntnisse aus?
  2. Worauf müssen wir als PfadfinderleiterInnen im Umgang mit diesen Kindern und Jugendlichen achten, wie können wir mehr Sensibilität entwickeln und welche Hilfsmittel stehen zur Verfügung?

Sie sind gerade zu denen, die sie verstehen, und richtig zu jenen, die es annehmen wollen. (Sprüche des Salomon: 8,9)

Hier die wesentlichen Diskussionsergebnisse zusammengefasst:

Die pfadfinderpädagogischen Zugänge zum ersten Gesetzes/Schwerpunkt sind stark aus katholischer/protestantischer Sichtweise verfasst. Die wachsende, schrittweise Wegsuche nach Gott (Kinderbibel/messe, Erstkommunion, Firmung) erleben Kinder und Jugendliche anderer Religionsgemeinschaften (vor allem Orthodoxe und Muslime) in wesentlich geringerem Ausmass. Interessanterweise "kopieren" die andere Glaubensgemeinschaften jedoch das bunte röm.-kath. Kirchenfestjahr, um Feiertage mit Sinn zu erfüllen: die Koranschule wurde auf den Sonntag verlegt, Buddhisten feiern zu Weihnachten ein Friedensfest, hohe katholische Feiertage werden von der evangelischen Kirche mit anderen Inhalten gefüllt.

Wir wurden klar ermutigt, Kinder und Jugendliche anderen Glaubens mit den Werten und Zielen der Mehrheitsreligion zu konfrontieren, sie in einen Gottesdienst mitzunehmen. Erläuternd Bewusstsein für die andere Religion zu schaffen wäre ein Pfad zu einem harmonischen Miteinander.  

Respektvoll im Umgang, vorurteilsfrei im Zugang, bewusst im eigenen Glauben

Zur zweiten Frage erfassten wir detailliert die Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen der fünf Religionsgemeinschaften. Trotz klarer Grenzlinien wurde von allen ein gemeinsames Prinzip unterstrichen: Respektvoller Umgang mit der anderen Religion, ihr mit Sensibilität den nötigen Raum zu geben, aber kein Verzicht auf eigenes Glaubensbewusstsein. Keinesfalls aber sollten wir uns in der Pfadfindertradition oder dem Heimabend- und Lagerprogramm verbiegen oder den ersten Schwerpunkt ganz über Bord werfen, aus reiner Angst, Fehler zu begehen! Ein Bewusstsein einte alle Anwesenden: die wahre Herausforderung liegt in der Begegnung mit dem Nichtglauben der heutigen Gesellschaft.

Wir werden gemeinsam mit den Vortragenden in den nächsten Monaten für alle 15 anerkannten Religionsgemeinschaften zweiseitige Factsheets mit den Grundlagen der Religion einerseits und den zu beachtenden "Dos and Don'ts" andererseits erstellen und diese auf der neuen Website online stellen.